Es ist ein Fehler bei diesem Gadget aufgetreten.

Montag, 21. November 2011

Stillen vs Fläschchen

Gleich in den ersten Tagen des Mama-Daseins stellt sich die Frage aller Fragen: werde ich mein Kind stillen (können) oder wird es das Fläschchen bekommen?Kaum eine Frage wird so kontrovers diskutiert wie diese. In den diversen Internet-Foren, die ich dazu konsultiert habe, ging es immer hoch her und es gab viel böses Blut. Die Frage nach dem Stillen hat wie ich feststellte fast religiösen Charakter...eine wahre Gretchenfrage also.

Gleich vorweg dazu also mein persönliches "Glaubensbekenntnis": für mich stand von Anfang an fest, dass ich gerne mindestens 6 Monate stillen möchte. Die Natur hat sich schon was dabei gedacht und Muttermilch ist und bleibt einfach die optimale Ernährung für die Kleinen. Dennoch finde ich, dass jede Mutter das Recht hat zu entscheiden, was für sie und ihr Baby funktioniert und was nicht. Ob es nun nicht klappt mit dem Stillen oder ob die Mutter aus welchen Gründen auch immer einfach nicht stillen möchte - ich sehe mich nicht berechtigt oder berufen, mich da als Richterin aufzuspielen. Mütter, die auf Flaschennahrung zurückgreifen, sollten sich nicht ständig rechtfertigen müssen und sich dem latenten Vorwurf gegenüber sehen, eine schlechtere Mutter zu sein. Im Folgenden möchte ich einfach so neutral wie möglich darstellen, was aus meiner Erfahrung für/gegen welche Methode spricht.

STILLEN

Muttermilch ist einfach die natürlichste Ernährung für das Kind in den ersten Monaten (Beikost wird frühestens ab der 17. und spätestens ab der 24. Lebenswoche empfohlen). Sie ist genau auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt, von der dünnen "Vormilch" als Durstlöscher bis zur fetten "Hintermilch" zum Sättigen und Kräftigen. Muttermilch enthält Immunstoffe und hilft beim Aufbau der Immunabwehr des Kindes, ist meistens gut verträglich und schützt (so die Theorie) vor Allergien.

Stillen ist saumäßig praktisch. Ich muss nichts warmmachen (und warten, bis es wieder abgekühlt ist) und keine Fläschchen sterilisieren. Ich muss keine Döschen und Fläschchen mit mir herumschleppen, denn die hauseigene Milchbar habe ich sowieso dabei.

Stillen kann ich auch ohne aufzustehen und ohne richtig wach zu sein. Wenn das Baby mit im Elternbett oder in einem Baby-Bay schläft, einfach umdrehen, Brust raus, andocken, fertig.

Stillen kostet nichts (es sei denn man rechnet den Preis einiger gut sitzender Still-BHs mit, aber selbst dann ist Stillen immer noch weit kostengünstiger als Fläschchen.

Stillen kann ich (theoretisch) überall und jederzeit, ich brauche keinen Stromanschluss, Wasserkocher oder Tauchsieder.

FLÄSCHCHEN

Nicht jede Still-Beziehung läuft so harmonisch, wie es die Bilder in und auf Stillbüchern suggerieren. Mein Sohn gehörte nie zu den Babys, die 10 Minuten lang friedlich eine Seite leer nuckeln, dann die andere und dabei am besten noch einschlafen. Er schrie, er wand sich, er lief hochrot an, trat mit den Beinchen, bäumte sich auf, drehte sich von der Brust weg, drückte die Brust mit den Händen weg...es war oft ein Riesen-Theater, obwohl er vorher vor Hunger geschrien hatte. Es kam mehrmals vor, dass wir dann beide weinten. Immer wenn ich kurz davor war durchzudrehen, ging es dann eine Weile mal besser, so dass ich letzten Endes (abgesehen von einer kurzen Phase, in der ich abgepumpt und die MuMi dann mit Fläschchen gefüttert habe) durchgehalten habe. Ich kann aber auch jede Mama verstehen, die das nicht tut, denn dieser K(r)ampf beim Stillen war für uns beide eine sehr frustrierende Erfahrung. Und letzten Endes braucht man seine Nerven und seine Kraft, um eine gute Mutter zu sein. Wenn also das Fläschchen dazu beiträgt, die Mutter-Kind-Beziehung zu harmonisieren...dann ist es doch nur das Abwägen eines Übels (keine Muttermilch) gegen das andere (Zeter und Mordio beim Trinken).

Wenn das Kind einen Reflux hat (so wie unser kleiner Krawallfrosch) und in einer Tour spuckt, kann man überlegen AR-Nahrung zu geben. Die ist dicker als die normale Milch und kommt nicht so schnell wieder hoch.

Sind wir mal ehrlich - das Stillen verändert die Brust. Zumindest besteht die Gefahr, dass das geschieht. Sie kann kleiner/größer werden und schlaff. Man kann vielleicht argumentieren, dass eine Frau, die nicht bereit ist, das zu riskieren keine Mutter werden sollte, aber ich möchte mir da einfach kein Urteil erlauben. Eine Mutter, die nur widerwillig stillt und eventuell dem Kind später Vorwürfe macht, es habe ihre Figur ruiniert, ist ja nun auch nicht wünschenswert.

Es gab so Momente während der Stillzeit, da habe ich mich nur noch wie eine Milchkuh gefühlt. Am ärgsten war es in der Zeit, als ich abgepumpt habe. Da sitzt man mit dieser elektrischen Pumpe an der Brust und kommt sich vor wie Kuh Emma an der Melkmaschine. Nicht schön und nicht gut für Libido, Selbstbewusstsein und Erotik in der Beziehung.

Es ist ja schön, wenn man genug Milch hat für das Baby, aber es kann auch ganz schön nerven, wenn man anfängt zu tropfen, sobald das Baby schreit oder man auch nur das Wort "stillen" denkt. Eine Zeit lang habe ich immer mit Still-BH und Stilleinlagen schlafen müssen, weil ich ständig nachts ausgelaufen bin. Denn wenn das Kind an der einen Brust saugt, kommt es auch aus der anderen gelaufen. Gerade im Sommer war das echt unangenehm, ständig den BH anhaben zu müssen.

Beim Fläschchen sehe ich mich nicht mit der Frage konfrontiert, ob (und wo) es angemessen ist, in der Öffentlichkeit zu stillen. Nicht jeder reagiert mit Toleranz und Verständnis, wenn ich im Café oder im Bus mein Kind an die Brust lege.

Die moderne Flaschennahrung orientiert sich an der Zusammensetzung der Muttermilch und ist durchaus geeignet, ein Kind auch dauerhaft zu ernähren. Da die Immunstoffe und der Körperkontakt (Stichwort: Mutter-Kind-Bindung) fehlen, ist sie natürlich nicht das Optimum, aber immerhin nah genug dran.

Worauf man sich als Fläschchen-Mama einstellen muss ist allerdings, dass man mit vielen schrägen Blicken rechnen muss und unter einem unausgesprochenen Rechtfertigungsdruck steht. Nach den Gründen wird oft nicht gefragt, sondern gleich pauschal verurteilt: "Warum tust du das deinem Kind an? Muttermilch ist doch einfach das beste....". Wie oft ich so etwas schon in Foren gelesen habe. Die fiesesten und schärfsten Kritiker einer Mutter sind die, die eigentlich Verständnis für die schwierige Rolle haben sollten: nämlich andere Mütter. Viele sind da extrem dogmatisch und selbstgerecht. Ich nenne diese Fraktion immer die "Still-Mafia". Ihr werdet der "Still-Mafia" in meine Beiträgen (und wahrscheinlich auch in den Kommentaren) gewiss immer mal wieder begegnen.

FAZIT:

Wichtig ist, dass Mutter und Kind sich wohl fühlen. Eine Mutter, die entspannt und zufrieden ist, kann zärtlicher und geduldiger mit ihrem Kind umgehen als eine, die kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht. Sicherlich ist Muttermilch immer noch das Optimum, allerdings sollte man nichts erzwingen. Wie oft habe ich gelesen, dass man "dranbleiben" soll und "durchhalten", weil man es dem Kind ja schuldig sei. Bei mir hat das ja dann auch funktioniert, hat aber mich und meinen Sohn sehr viel an Nerven gekostet. Bin ich jetzt die bessere Mutter, weil ich "durchgehalten" habe? Eine Bekannte hatte ähnliche Probleme und ist sehr schnell auf das Fläschchen umgeschwenkt. Ist sie deswegen eine schlechtere Mutter? Man kann es auch so sehen, dass sie sich und ihrem Sohn viel emotionalen Stress damit erspart hat. Das ist - wie so vieles - Ansichtssache.

Liebe Mamis, lasst euch nicht von der "Still-Mafia" unter Druck setzen und tut das, was sich für euch richtig anfühlt und womit ihr am besten klarkommt.