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Samstag, 26. Dezember 2015

Weihnachten mit Kinderaugen


Meine Tochter ist mittlerweile zwei Jahre und acht Monate und man kann mit ihr schon richtig tolle Unterhaltungen führen, wenn man sich Zeit nimmt. Leider gibt es im Alltag dazu oft wenig Gelegenheit, weil man beschäftigt ist oder der große Bruder dazwischen funkt. 



Gestern ergab sich eine Gelegenheit, mich mit meiner Tochter über Weihnachten und einiges andere zu unterhalten und ich war mal wieder erstaunt, dass manche Dinge, von denen man gar nicht geglaubt hätte, dass die Kleinen sie so wahrnehmen, dann doch so entscheidend sind. Aber ich muss ausholen: 

Meine Tochter ist von Natur aus sehr willensstark (man könnte auch "bockig" sagen). Hinzu kam jetzt in letzter Zeit eine ganz ausgeprägte Trotzphase. Das war enorm anstrengend. Auch die erfahrenen Erzieherinnen und Erzieher in ihrer Kita hatten ihre liebe Not damit. Eine Zeit lang ergab sich jetzt immer ein Kampf, wenn ich sie abholen wollte und sie ihre Hausschuhe ausziehen und Jacke und Schuhe anziehen sollte. Sie lief dann weg und versteckte sich oder wollte, dass ich das für sie mache. Ich habe immer geantwortet, dass ich weiß, dass sie das allein kann. Und sie soll es wenigstens versuchen, dann würde ich ihr helfen, wenn es nicht klappt. Ich habe ihr erklärt, dass doch jetzt alle nach Hause gehen und der Kindergarten geschlossen wird. Nichts zu machen. 
Meine Antwort darauf war dann immer: gut, dann gehe ich jetzt ohne dich. Meistens habe ich dann erst den großen Bruder von oben abgeholt und dann noch mal vorbeigeschaut, ob Madame Bock inzwischen bereit war, mitzugehen. Ab und zu sind wir dann auch noch einmal eine ganze Weile rausgegangen. Irgendwann habe ich mir gedacht, sie durchschaut das. Sie hat einfach ein immenses Vertrauen, dass Mama sie nicht allein lässt (was ja auch eigentlich gut und richtig ist). 
Eines Tages, als sie wieder einmal so gebockt hat, sind der große Bruder und ich also wieder mal allein rausgegangen. Dieses Mal habe ich allerdings gewartet, bis auch das letzte Kind aus ihrer Gruppe abgeholt wurde. Die Erzieherin hatte mich aus dem Fenster gesehen und mir ein Zeichen gegeben, dass sie verstanden hatte. Sie zog sich also auch an, machte das Licht in den Gruppenräumen aus und ging ebenfalls. 
Meine Kleine war etwa eine Minute allein dort, bis ich sie dann rausgeholt habe. Ich hatte nicht den Eindruck, dass diese Maßnahme sie sonderlich beeindruckt hat. Kurz später hatten wir noch einmal so ein Drama, da habe ich sie dann einfach in Hausschuhen mit nach Hause genommen und sie ist prompt in eine Pfütze getreten und hatte ganz nasse Füße. 

Nun aber zurück zu unserem Gespräch gestern. Ich habe sie gefragt, ob sie das Weihnachtsfest schön fand, was sie bejahte. Daraufhin habe ich sie gefragt, was sie denn am schönsten fand. Ich habe erwartet, dass sie die Geschenke aufzählt oder die Süßigkeiten. Aber es kam wie aus der Pistole geschossen und sehr bestimmt: 
"Dass die Oma da war. Die Oma R. Da habe ich mich gefreut." 
Meine Schwiegermutter wohnt nämlich weiter weg und ist nicht so oft da. Meine Mutter hingegen sehen die beiden oft, sie wohnt mittlerweile in derselben Straße. 
Nach dem schönsten Weihnachtsgeschenk musste ich dann explizit noch einmal fragen. Ich fand es sehr erstaunlich, dass die Kleinen es tatsächlich schon so zu schätzen wissen, dass man zusammen ist, und seltener Besuch kommt. Da habe ich sie vollkommen unterschätzt. 
Bevor wir auf die Geschenke zu sprechen kamen, nutzte meine Tochter die Gelegenheit (wir waren allein im Zimmer und hatten richtig Zeit, miteinander zu sprechen), mir noch etwas Wichtiges anzuvertrauen. Sie fing plötzlich an zu erzählen. 

"Mama, als ich allein im Kindergarten war. Da waren alle Kinder nach Hause gegangen. Der L. war nach Hause gegangen und die H. und die Z. ist auch weggegangen. Da habe ich geweint. Ich habe gerufen 'Mama!' und dann habe ich meine Hausschuhe ausgezogen."
Das war jetzt Monate her, aber es hatte sie wohl doch bis heute beschäftigt. Ich musste erst überlegen, was sie meinen könnte, bis es dann "klick" machte, als sie von den Hausschuhen anfing.
"Da hattest du ein bisschen Angst, oder?"
Nicken. 
"Und dann bin ich zu dir gekommen und du bist mit nach Hause gegangen und jetzt kommst du immer sofort mit nach Hause, stimmt's?"
"Ja, ich ziehe meine Hausschuhe ganz allein aus, Mama."
"Und das machst du ganz prima. Ich finde das sehr schön, dass ich nicht mehr schimpfen muss. Jetzt kommst du immer gleich mit und bist nicht mehr bockig."
"Da habe ich so gemacht! (zieht mit der Unterlippe eine Schüppe)"
Ich lache. 
"Ja, das machst du immer, wenn du wütend bist."
Meine Tochter lacht.
"Aber jetzt kommst du immer ganz lieb mit nach Hause ohne Theater."
"Ja. Ich bin jetzt groß!"

Ich fand es beeindruckend, dass sie das unbedingt noch einmal mit mir besprechen wollte.  Es war nicht vorwurfsvoll, es war mehr so, als habe sie die Situation mittlerweile durchdacht und verarbeitet und wollte mir unbedingt noch einmal erzählen, wie sie es erlebt hat und wie sie sich dabei gefühlt hat. Es hat wohl eine Weile gedauert, bis sie ihren Eindruck in Worte fassen konnte und bis die Erkenntnis durchgedrungen ist. Ich hatte ja ein schrecklich schlechtes Gewissen, aber sie musste offenbar wirklich einmal selbst sehen, dass der Kindergarten tatsächlich schließt und dass man nicht einfach so dableiben kann. In der letzten Zeit ist sie immer ganz lieb mitgegangen und ich hatte das schon gar nicht mehr auf dieses Erlebnis zurückgeführt. Doch offenbar war das für sie wirklich Anlass, nachzudenken. 
Auch, dass sie schon in der Lage ist, mit Distanz ihr eigenes Schmollen als witzig darzustellen und sich darüber lustig zu machen, fand ich bemerkenswert... man staunt, was in den kleinen Köpfchen schon so vor sich geht. 

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